«Alte Bürsti»-Mieter hoffen und bangen
Aargauer Zeitung / MLZ 21. Oktober 2009
von Thomas Röthlin
Am Infoabend zum Verkauf des zwischengenutzten Fabrikareals in Oberentfelden wurden einige Fragen laut. Wenn die Gemeinde die ehemalige Bürstenfabrik Walther verkauft, wird das Areal saniert. Die Mieten steigen, und manche bisherige Mieter müssen sich neu
Der Saal im Gemeindehaus Oberentfelden war am Montagabend voll. Der Gemeinderat und die Immobilienentwicklerin Losinger Construction AG informierten über den Verkauf und die Umnutzung der «Alten Bürsti». In der Industriebrache an der Köllikerstrasse 32 arbeiten diverse Kleinunternehmer und Kunsthandwerker. Viele von ihnen sassen im Publikum.
Gemeindeammann Ruedi Berger erklärte, warum die öffentliche Hand die «Alte Bürsti aus ihrem Immobilienportefeuille entfemen soll: Sie ist sanierungsbedürftig, «und uns fehlt die Fachkompetenz», so Berger. Zusammen mit den Experten von Losinger wolle man in den nächsten Monaten eine Vision entwickeln mit dem Ziel, eine «für alle Anwohnende interessante Überbauung zu planen». Losinger bezahlt sämtliche Vorinvestitionen und sucht einen Investor, dem diese Kosten überwälzt werden können.
«Mieten steigen zwangsläufig»
Ob die Mieter von diesem Ziel ausgeschlossen seien, wollte ein Votant wissen, der an einem Bildhaueratelier beteiligt ist. Daniel Scheifele, Leiter- Immobilienentwicklung Deutschschweiz bei Losinger, versicherte, man sei daran «interessiert, dass heutige Mieter auch zukünftige sein werden». Das Problem sei die Wirtschaftlichkeit. In den Neubauten seien zwar Gewerberäume vorgesehen, aber die Mietzinse werden zwangsläufig steigen.
Andere Betroffene teilten die Bedenken des Votanten. Kunstmaler Hannes Egli wollte vom Gemeinderat wissen, wie dessen bisheriges Bekenntnis zur Kultur ins neue Projekt transferiert werde. Daniel Scheifele nahm den Ball auf. Der Verkaufspreis bestimme den Spielraum. Je billiger Oberentfelden die «Alte Bürsti» hergibt, desto grösser ist die Chance für weiterhin günstige Mieten.
Auf Eglis Frage, wie die Gemeinde als Verkäuferin ihren Einfluss bewahre, erinnerte Ruedi Berger an seine Ankündigung, eine behördliche Arbeitsgruppe begleite den Entwicklungsprozess. Zudem muss der Souverän eine Umzonung und den Verkauf absegnen. Hannes Egli regte an, die Gemeinde möge den Altbau behalten und nur den Rest einer höheren Wertschöpfung zuführen.
Keine Garantien
Weitere Mieter erwarteten vom Gemeinderat eine Garantie, nach dem Umbau wieder einziehen oder einen Ersatzort beziehen zu können. Ruedi Berger musste abwinken: «Es ist noch viel zu früh, um einzelne Räume zuzuteilen. Wir bewegen uns in einem absolut luftleeren
Raum.» Baustart sei frühestens 2011.
Die Gemeinde habe keine Verpflichtung, altenativen Raum zur Verfügung zu stellen, konterte Berger die Sorgen eines Fahrzeugbauers. Zwischennutzungen seien geeignet für Jungunternehmer. Habe man sich etabliert, könne man auch marktübliche Mieten zahlen. Gekauft hatte die Einwohnergemeinde die «Alte Bürsti» 1996 auch nicht aus Subventionsabsichten. Sie griff damit der Walther-Nachfolgefirma Wasag unter die Arme, die neu gebaut hatte und auf dem alten Areal sitzen zu bleiben drohte, weil der Käufer pleite ging.
Anders verhält es sich mit dem gemeindeeigenen Jugendtreff, wie Vizeammann Vreni Friker versicherte: «Wenn dieser keinen Platz hat, suchen wir einen Ersatzort.»
«Gewachsene Strukturen»
Der Zürcher Architekt Andreas Galli hatte im Rahmen eines kantonalen Wettbewerbs eine Umnutzungsstudie für die «Alte Bürsti» verfasst. Auf diese soll die Entwicklung aufbauen. Man sei beim Verfassen der Studie vom Prinzip «as found» ausgegangen, habe also die vorgefundenen «gewachsenen Strukturen» berücksichtigt, beschwichtigte er die Versammlung.
Mitverfasser Hansruedi Stirnemann aus Baden erläuterte anhand des dortigen Merker-Areals, dass zwar viel Wohnraum entstanden sei, ein Viertel aber doch noch kulturell genutzt werden könne. Dies, obwohl das Gelände in Privateigentum ist. Oder in den Worten Gallis: «In Oberentfelden kommt es bei der Entwicklung auch darauf an, was die Gemeinde will.»