
EIN STÜCK HEIMAT ist die alte Bürsti in Oberentfelden für Philipp Hirschel, Präsident des Konzert- und Partyveranstalter Böröm pöm pöm. „Ich bin mit der alten Bürsti aufgewachsen“, sagt der 33-jährige Wirtschaftsprüfer. Er und sein Kollege Philipp Wehrli, ebenfalls Mitglied im Böröm-Verein, sitzen an der Bar. Das Lokal haben sie mit Helfern während unzähligen Stunden in ihrer Freizeit umgebaut. In der ehemaligen Spritzerei der Firma Walther besserten sie den Boden aus, strichen die Wände und isolierten die Fenster. „Hier stand sogar noch eine alte Trocknungsmaschine“, erinnert sich der 36-jährige Grafiker Philipp Wehrli. Jeden Sommer nutzen sie um etwas zu renovieren oder auszubessern, dieses Jahre gestalteten sie den Eingangsbereich neu.
WAS VOR ÜBER zehn Jahren als Treffpunkt von Freunden begann, ist mittlerweile zu einem schweizweit bekannten Party- und Konzertlokal geworden. Das Böröm ist eine Non-Profit-Organisation, der Gewinn wird in den Betrieb reinvestiert. Philipp Wehrli zeigt ein Foto aus den Anfängen, damals spielte die Band Bluesaholics auf einer Bühne aus Paletten. Mittlerweile hat das Böröm eine richtige Bühne, ein Mischpult und eine professionelle Lichtanlage. „Ich verbringe hier mehr Zeit meines Lebens als zu Hause“, sagt Wehrli. Er war 22 Jahre alt, als er vor bald 15 Jahren ebenfalls in dem ehemaligen Fabrikgebäude sein Grafikatelier PW-Grafics aufbaute. „Der Gedanke, hier wegziehen zu müssen, gibt mir einen Stich ins Herz. Das Böröm zügeln, ist kaum möglich.“
AUCH UELI HOFER kann sich nicht vorstellen, mit seiner „Alfa-Romeo“-Garage aus der alten Bürsti wegzuziehen. In seiner Werkstatt steht ein roter Alfa mit Jahrgang 67, aus einem alten Radio tönt Schlagermusik. „Wenn hier umgebaut wird, hat es für mich und meine alten und schnellen Autos keinen Platz mehr.“ Zu Wohnungen für Familien mit Kindern oder schicken Lofts passten seine Oldtimer – „Die machen nun mal Lärm“ – nicht mehr. Der 67-jährige Garagist repariert seit über 40 Jahren Alfa Romeos, die Kunden kommen aus der ganzen Schweiz zu ihm. „Ich kann alte Vergaser und Getriebe reparieren, die jungen Mechaniker können das nicht mehr.“ Sein Wissen gibt er an seinen Sohn weiter.
AN EINER PINWAND hängen Fotos der Autos, an denen er gearbeitet hat, darunter auch eines, das jeweils am Bergrennen von Reitnau mitfährt. Auf einem vergilbten Bild sieht man Ueli Hofer als jungen Mann an einer Rennstrecke stehen. „Da war ich als Rennmechaniker in Hockenheim.“ Er zeigt auf eine ganze Reihe alter Vergaser, die er repariert und auf der Internet-Auktionsbörse Ricardo verkauft, manchmal sogar nach Amerika. „Wenn ich nicht mehr da bin, ist das alles Alteisen.“ Er möchte vor allem wissen, wie lange er noch in der alten Bürsti bleiben kann.
GEHEN WILL AUCH die Keramikerin Silvia Plüss nicht. Seit über zwölf Jahren bietet sie Töpferkurse in der alten Bürsti an. Rund 60 Menschen gehen pro Woche bei ihr ein und aus. Aus Oberentfelden kommen viele, die zu Hause töpfern und bei ihr die Tonskulpturen brennen lassen. „Ich bin von hier und ic h möchte hier bleiben“, sagt die 58-Jährige. „Das alles hier ist mit viel Herzblut gewachsen. Es darf nicht immer nur das Geld zählen. Es ist doch wertvoll, was hier passiert.“
IN IHREM ALTELIER befanden sich früher die Büroräume der Firma Walther. „Als ich einzog, stand hier noch eine Art Empfangsschalter.“ Jetzt stehen auf Regalen Giraffen, Vasen oder Schalen aus Ton. „Das braucht viel Platz.“ Vor 25 Jahren hat die Künstlerin ihr Hobby zum Beruf gemacht. Mehr Miete zu zahlen, liegt bei ihr nicht drin. „Dann müsste ich die Kurskosten erhöhen, das will ich aber nicht.“
DER METALLBAUSCHLOSSER Peter Kurt sieht sich vorsorglich schon mal nach Alternativen um. „Kostet ja nichts.“ Noch habe man zwei bis vier Jahre Zeit, einen allfälligen Ersatz zu finden. Doch auch für den 44-Jährigen ist klar, er findet nirgendwo einen so grossen Raum zum gleichen Preis für seine Firma „Plüss Spielgeräte“. Wenn möglich will auch er bleiben. Als er vor rund 12 Jahren seine Werkstatt in der ehemaligen Leimerei einrichtete, fand er noch Musterbürsten und Reglemente aus den 40er-Jahren.
ORIENTALISCHE TEPPICHE liegen auf der Treppe, die zum kurdischen Vereinslokal führt. Drinnen stehen an langen Tischreihen mit rotem Samt bezogene Stühle. „Hier finden unsere traditionellen Feste statt, wir kochen zusammen und geben den Kindern unsere Kultur weier“, sagt Eylem Demirdögem, Präsidentin des Vereins mit rund 150 Mitgliedern aus dem ganzen Aargau und dem Raum Olten. Folkloregruppen üben traditionelle Tänze, Kinder lernen die kurdische Gitarre zu spielen. „Die Jungen sollen sich hier treffen und nicht auf der Strasse.“ Auch für den Kulturverein gibt es keine Alternative, wenn die alte Bürsti umgebaut wird.